Poetry Text von Kristina Berners

Poetry Text von Kristina Berners

Nicht böse gemeint

– „Hallo, könnte ich euch eine Frage stellen?“
– „Kommt darauf an – welches Thema denn?“
– „Judentum, … naja jüdisches Leben in Deutschland.“
– Oh, ja nee, dann lieber doch nicht. Aber ist nicht böse gemeint!“
Solche Antworten kamen oft. Tabuthema Judentum, damit haben wir schon gerechnet.
Ausflüchte gemischt mit „Also, das ist jetzt echt nicht böse gemeint“ sind die Hauptresonanz der Frage, wage auf Goldwaage gewogene Halbaussagen dominieren, exemplifizieren die Gedanken vieler.
Ist das denn so ein schwieriges Thema?
Irgendwo vielleicht, weil Gesprächsansätze fallen nicht so leicht – es hängen dunkle Wolken über einer Lampe voll Licht, wenn man vergisst, dass das noch Mensch ist. Wie ich und du, und du und ich – ich verstehe den Unterschied nicht.
Klar, jeder Mensch ist anders – so muss das ja auch sein, aber rein objektiv gesehen, ist Mensch eben Mensch.
Kleider machen Leute. Nur die Leute, die die Kleider machen, wissen oft nicht welche Sachen wirklich zu den Menschen passen. Ich trag kein Schild um meinen Kopf, das aussagt „Ich bin Christ“ und du eben nicht. Das wird mir erst gegeben.
Fast wie ein Namensschild, das uns ein wenig auseinanderreißt, uns verleitet über Leute zu reden und über sie zu urteilen. Wir reden so viel über Menschen und so wenig mit Menschen und mit Menschlichkeit – die geht verloren. So langsam wird klar, woher dieses Tabu kommt. Von Menschen für Menschen gemacht. Ein Pflaster, das den erklärenden Mund verschließt.
– „Aber nicht böse gemeint.“
Sicher, schon klar. Nach dem ersten Mal ist das genauso angekommen wie beim sechzehnten.
– „Und ich bin da jetzt nicht gegen.“
Gegen Judentum? Das glaube ich dir, nur sagst du mir das, während du berichtest, wo dir Antisemitismus im Alltag begegnet. Bist du auch nicht, aber wenn du schon nicht dagegen bist, warum redest du dann nicht mit den Menschen? Also um vorzubeugen und Hass auszurotten, wie es schon lange hätte passieren sollen.
Und ich rede weiter, weiß nicht, wie ich zum Ende kommen soll, so viel zu erzählen, begrenztes Gehör.
Schade, wenn ich ehrlich bin.
Auf endloses Thema kommt endloser Text. Aber, das ist jetzt nicht böse gemeint!

von Kristina Berners