Poetry Text von Isabelle Arend

Poetry Text von Isabelle Arend

Vorurteile, Vorurteile – überall auf der Welt, ziehen wie Mähdrescher übers Feld, zerstören alles, das mir bekannt, ziehen und schleppen verdorbene Meinungen übers Land, was einst war Fakt, wird lieblich Takt einer alternativen Wirklichkeit.
Dabei werden andere, weniger faktische Wirklichkeiten wirr und unwirklich, ploppen überall auf, nehmen ungehindert ihren Lauf, alles zieht sich an ihnen herauf. Worte, die so gar nicht basiert, fokussiert, so völlig ungeniert.

Vorurteil
Vor dem Urteil stehe ich und frage mich ganz still, was wird, was ist und was wird sein, wenn, noch bevor wer von mir weiß, schon alle gleich ein Urteil haben, mit dem ich mich zu identifizieren hab. Denn sonst, sonst würde ich euch verdutzen. Schlamassel wär praktisch vorprogrammiert.
Schlamassel … Davon redet das eine Mädchen im Bus auch immer. Fragend guckt man sie an – „Was ist das auch für ein komisches Wort“, schreien irritierte Blicke. Blicken generell immer schräg, wenn sie von Bräuchen ihrer jüdischen Religion erzählt, ihre wahre Art halt nicht verhält.
Im Relli-Unterricht nur selten den Kopf erhebt, obwohl sie sich nach freier Meinung sehnt. Meinung, während Mitleid jenen Raum vernebelt, wabernd wahre Wörter knebelt und ALLES nur in eine Richtung lenkt. Ich glaube, sie würde gern etwas sagen; ich glaube, sie hasst es, ihr Reden zu vertagen, wenn jegliche Berührung fehlt in der Wirklichkeit – denn keiner TRAUT sich, was zu sagen.

Ich wünschte, sie könnte ihre Welt uns zeigen, wenn uns die Berührung fehlt, könnte uns zeigen, was sie wirklich fühlt, während wir nur die Geschichte sehen – uns einzig und allein in ewig Mitleid drehen, mit betroffenen Worten jonglieren und nur noch die Sprache des Bedauerns reden:
„Und, also hoffentlich passiert das alles niemals wieder und nein, wir Deutschen sind keine Sieger und judenfeindlich bin ich ja auch nicht. Also, ehrlich nicht.“ Alle sollten gleich behandelt werden, denn im Gegenteil kauern die Vourteile, wohl versteckt und abgezäunt, lieblich getarnt als niedliche Scherze, ist ja gar nicht bös gemeint. Gleiches gilt für mein hämisches Lachen, wenn du olle Blondine dann wirklich an den einfachsten Gleichungen verzweifelst. Jaja, gleich, ja, gleich hast du es schon raus, dass ich nicht la… Oh, verzeih, nicht bös gemeint.

Eigentlich sind wir doch alle gleich, gleich soll doch ein jeder sein, behandelt werden allgemein, gleich, gleich, alles gleich gleichberechtigt und ungewiss ist dies Wort dann aber doch. Gleichberechtigung.
Das heißt, dass über niemanden mehr gesprochen wird als über den anderen, keinen behandeln wir besser oder schlechter, denn das, ja, das, das tut man nicht, denn dann könnt ja wer etwas falsch verstehen, richtig? Bevor man mich noch falsch versteht, sag ich mal lieber das, was von mir erwartet wird, richtig? Ist es das? Ist das das verkappte Konstrukt von Gleichberechtigung, das man uns beibringen will?! Keine Ahnung, aber wie, wie denn, wie kann ich etwas erklären, das ich eigentlich so theoretisch nur aus dem Unterricht kenn? Unterricht, der von außen gesteuert. Und wenn sie und ich, also wir, dann so im Relli-Unterricht sitzen, nachdem alle neutral darüber gesprochen haben, dass Gott ja so viel wie Jesus ist, und sich schlussendlich ja jede Festlichkeit auf Geschenke bemisst und jeder so irgendwie das eigentliche Zeichen dahinter vergisst. Vergisst, wenn ein jeder hier eine Einigkeit begehrt, während niemand sich letztlich darum schert. Während alles irgendwie in uns schreit – doch für unsere wahre Meinung hat keiner Zeit. Obwohl ja, unabhängig von Gruppen wie Religionen und jeglichen Konfessionen wir alle sind gleich. Gleichberechtigung? „Gleichberechtigung, wir alle hier werden übergangen, wären so gerne unbefangen und ganz und gar mit dir.“ Also, warum sprechen wir über Christen, Moslems, Juden, Russen, Araber oder Kurden und nicht gleich einfach über Menschen? Eigentlich ist es traurig. Eigentlich ist es traurig, dass nicht alle Menschen so genommen werden, wie sie sind – wie wir alle eben sind … Denn, nein, allzu viel verlangen wir nicht, doch irgendwas in unserer Seele bricht, denn es sticht, wenn von überall die Freiheit brodelt und uns da plötzlich werden Grenzen gesetzt, weil diese Welt nun mal nicht GLEICH selbstverständlich Ein-heit ist.

So ganz im Kleinen, ganz im Feinen mal was reißen, wäre ja schon mal ein guter Beginn, denke ich. Denn Einheit hat irgendwo was mit Freiheit zu tun. Und Freiheit fängt im Kleinen an, mit gleichen Chancen und … – Gerechtigkeit. Eins der paar Dinge, die ich mit Stolz aus so manchem Lernstoff ziehe. Und dann schaue ich auf unsere Kantine, denke voll Einheitsgefühl im Herzen „Gleichberechtigung fängt im Kleinen an“. Daran halte ich mich fest, während ich mich mit ihr bis an die Cafeteria-Theke drängele, die zwar vegetarisches, doch noch immer kein koscheres Mittagessen anbietet. Sie wären dazu bereit, das hat man uns gesagt, doch der Träger sei da das Problem, denn wer weiß schon, ob sich das verkaufe, ob sich das denn überhaupt lohne. Lohnen. Lohnen. Was, sagt mir, was lohnt sich schon, wenn Einheit als mit wichtigstes Gut der Freiheit an einer geldbemessenen Wertigkeit zerbricht? Also, sag mir, warum wir irgendwie etwas bemessen wollen, das eigentlich so ganz tief in sich schon unser größter Schatz sein sollte? Losgelöst, ja, vollkommen unabhängig davon, wer du bist, bist du mit allem, was du bist, voller wunderschöner Facetten und von jedem Urteil einfach losgelöst …

von Isabelle Arend